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Kath. Pfarrkirche St. Severin

St. Severin

Die heutige Pfarrkirche St. Severin, Lindlar enthält 3 Bauteile aus verschiedenen Jahrhunderten: den romanischen Turm aus dem Mittelalter, das Langhaus von 1826 und das Chor aus der Zeit um 1500. Sie sind Zeugnis eines großen Bemühens um und Achtung vor hervorragende(r) Architektur.

Das romanische Langhaus musste im April 1826 wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Der Abriss ist Gegenstand der Revisionsakte von 1828, aus der sich die Maße der romanischen Kirche er-schließen und ihr Aussehen in einem maßstabsgerechten Modell 2009 rekonstruieren ließen. Demnach war die drei-schiffige romanische Basilika eine echte Schönheit, was sich ableiten lässt von der sorgfältigen Proportionierung von lichter Höhe, Breite und Länge im Verhältnis 2 : 3 : 4 auf der Grundlage eines Kubus mit der Kantenlänge von 14 Fuß, wobei ein Fuß mit 0,314 m verwendet wurde. Dafür existieren noch Referenzmaße. Die Quelle für den Gedanken der Proportionierung als ästhetischen Maßstab für Schönheit ist in den 10 Bänden „De Architectura“ des römischen Archi-tekten Vitruv zu finden. Eine Kopie aus einem karolingischen Scriptorium existierte bis 996 in Köln und stärkte die Wertschätzung der Karolinger und Ottonen für römische Baukunst. Symbolisch dokumentiert sich darin auch der Verweis auf die Schönheit der Schöpfung als ein Kosmos, der durch Maß und Zahl geordnet ist. Die Gestaltung des Triforiums in der Michaelskapelle weist in die gleiche Richtung. Als ein architektonisches Zitat des Aachener Doms, in schlichter Form, aber markant mit zwei Säulchen aus dem Sinterkalk des römischen Aquädukts von Kall nach Köln, sagt es, dass man sich als Nachfolger des römischen Reiches verstand und als Schützer der Kirche. Von diesem Sachverhalt lässt sich auch der Zeitpunkt, bis zu dem die Kirche spätestens gebaut wurde, ableiten.

Um 1500 wurde die Apsis der Romanischen Kirche entfernt und eine Erweiterung um ein gotisches Querhaus mit Chor vorgenommen, so dass im Grundriss der Kirche nunmehr ein lateinisches Kreuz sichtbar wurde. Ganz zurückhaltend im Geiste der Devotio moderna erhielt das Chor eine exquisite und sprechende Deckengestaltung. Die Grate des Gewölbes direkt über dem Altar zeigen wie ein Logo den Kern der christlichen Botschaft: im Zentrum ein Kreuz mit gleichlangen Schenkeln als Verweis auf das doppelte Liebesgebot und umrandet vom Achteck der Rauten, die auf die For-derungen der Bergpredigt hinweisen – also ein Christentum der Tat.

Die heutige klassizistische Hallenkirche ersetzte 1826 das baufällig gewordene romanische Langhaus zwischen Turm und Querschiff. Das Konzept dafür lieferte der preußische Bauconducteur Biercher. Preußen hatte nämlich 1813 die Rechtsnachfolge des Stifts St. Severin, Köln übernommen und zeichnete damit fortan verantwortlich für den Bau der Kirche. Gemäß der preußischen Ver-waltungshierarchie vom Bürgermeister bis hinauf zur Oberbaudeputation hatte Karl Friedrich Schinkel das letzte Wort bezüglich der architektonischen Qualität bei Kirchbauten. Biercher, von Schinkel in Berlin geschult, sah vor, dass die Seitenwände des gotischen Querhauses in Richtung Turm verlängert werden und diesen umfassen sollten. Durch die Tieferlegung des Fußbodens und die Erhöhung der Umfassungsmauern kam der Goldene Schnitt zum Tragen, der das Verhältnis zwischen lichter Höhe, Breite und Länge bestimmte und so einen wohltuend schön proportionierten Innenraum schuf. Die drei grazilen Säulenpaare aus Grauwacke tragen ebenfalls zur Eleganz und Leichtigkeit des Raumes bei, der mit seinem fürstlichen Licht, die älteste Metapher für die Anwesenheit Gottes, die Lindlarer entzückte. Diesen originalen von Schinkel geprägten Entwurf stellten die Renovierungen von 1954 und 1987 in vollem Umfang wieder her.

Steinsichtigkeit, ein durchgehendes Satteldach und die mit normalem Fensterglas gefüllten großen Seitenfenster erzeugen ein auch äußerlich harmonisches Ganze, das mit dem barocken Turmhelm und der offenen Laterne einen krönenden Abschluss erfährt.

Kunibert Broich 2017

Personengruppe

An der Heidenstraße von Köln über Hohkeppel, Frielingsdorf und Marienheide weiter nach Kassel war Lindlar die östlichste fränkische Siedlung, bevor weiter östlich die ersten sächsischen Orte erreicht wurden. Auf dem Lindlarer Fronhof, der wohl nördlich der Kirche gelegen haben muss, wurde der Zehnte von den zum Fronhof gehörigen Höfen gesammelt und als eine Art Steuereinnahme dem Kölner Stift zur Verfügung gestellt, das seinen Einfluss in Lindlar übrigens erst 1803zu Beginn der Franzosenzeit einbüßte.

Erste Kirchbauten wird es sicher schon vor der ersten urkundlichen Erwähnung an dieser Stelle gegeben haben. Von der romanischen Kirche, die im 11./12. Jahrhundert entstand, ist das Innere des wuchtigen Kirchturms erhalten geblieben, der 1784 dann die markante barocke Turmhaube mit Laterne erhielt. Der Turm diente als Wachtturm und Zufluchtsort, beherbergte sogar die Feuerspritzen. Zum Kirchenraum hin erhielt der Turm eine Emporen-Öffnung mit Rundbogen, getragen von zwei Säulen aus Kalksinter, aus Ablagerungen der römischen Wasserleitung aus der Eifel nach Köln.

An den Turm schloss sich in der romanischen Kirche ein dreischiffiges Langhaus an, das Mittelschiff etwa so breit wie der Turm. Um 1500 wurde im Osten ein gotisches Querschiff mit einem kleinen Chor errichtet. Im 19. Jahrhundert war aber das Langhaus so baufällig geworden, dass es nur noch abgerissen werden konnte. Geschickt verstand es Franz Court, der Sohn des Lindlarer Bürgermeisters, eine Hallenkirche zu entwerfen, die im Osten an die Breite des gotischen Querschiffes anschloss, deren Außenmauern bis zum Turm verlängerte und den Turm umschloss. Es entstand ein großer heller Kirchenraum, dessen Lichtfülle, Weite und Offenheit viele Kirchenbesucher bis heute beindruckt, erst recht nach einer groß angelegten Renovierung, die 1988/89 durchgeführt wurde und den Eindruck der Helligkeit durch weiß gestrichene Flächen noch verstärkte.

Zahlreiche Gegenstände und Details laden zur Betrachtung ein, darunter der schlichte Altar unter dem Flammenkreuz, einem Rippengewölbe des gotischen Querhauses, die großen hohen Fenster, deren Glas im Krieg zerbrach und die in den letzten Jahrzehnten immer wieder Anlass zu Diskussion gaben, ob Helligkeit oder farbliche Gestaltung im Vordergrund stehen müsse, das Taufbecken aus dem Jahre 1235 im rechten Seitenaltar, die aus dem 15. Jahrhundert stammende Pieta, der eindrucksvolle Kreuzweg aus Tontafeln.

Im Außenbereich auf dem Gelände des ehemaligen Kirchhofs ist vor allem die 1999 entstandene Skulptur aus Lindlarer Grauwacke zu erwähnen, die „Arche Noah“, ein filigranes Meisterwerk, an dem neben dem Künstler Gottfried Mauksch und der Reinoldusgilde auch Lindlarer Bürger gegen eine kleine Spende mit Hammer und Meißel mitgestalten konnten.

 

 

Quelle: Text R. Wagner, Fotos Gemeindearchiv Lindlar


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